… bei der Hofbesichtigung am 31. Mai 2017

Familie Theres und Paul Nussbaumer werden das Jahr 2017 als absoluten Tiefpunkt ihrer bisherigen landwirtschaftlichen Tätigkeit abbuchen. Das wissen sie schon heute und sind trotz allem Ungemach bereit, 40 interessierte Bäuerinnen und Bauern über den Betrieb zu führen. Für diese Bereitschaft danken wir deshalb bereits hier ganz herzlich.

Die starken Frost-Nächte um den 20. April haben im Baselbiet und schweizweit grosse Schäden angerichtet. Nussbaumers erzielen ihr Einkommen zu Zweidrittel aus dem Kirschen- und Obstanbau. Der Totalausfall der Ernte 2017 ist eine Tatsache und für die Betriebsleiter sehr bitter.

Zu Beginn der Führung treffen wir Paul Nussbaumer auf der Beerenparzelle. Gehstöcke begleiten Paul seit seinem Beinbruch im März. Auch das noch! Trotz allem gut gelaunt führt uns Paul zusammen mit Franco Weibel durch die Himbeeren-Versuchsanlage. Der Kanton Baselland unterstützt mit einem Wirtschaftsförderungsprogramm Spezialkulturen, wie in diesem Beispiel hier, den Anbau von Sommerhimbeeren. Die Anlage ist gedeckt und mit einer Bewässerung versehen. Die Himbeeren werden im Reihenabstand von Bäumen angepflanzt. Sollte es mit Beeren nichts werden, so kann auf Bäume ausgewichen werden. Wurzelkrankheiten von Sommerhimbeeren sind die grosse Schwierigkeit der am Markt gefragten Kultur. Eigentlich sollte diese Beere jährlich den Standort wechseln und in die Fruchtfolge eingebunden werden. Ein Wunschdenken, seit die gefürchtete Kirschessigfliege ihr Unwesen treibt. Wandertunnel wären eine aufwändige Variante und erst noch bewilligungspflichtig. Der Versuch bei Nussbaumers läuft mit den sogenannten Long Canes Pflanzen. Weil die ca. 2 m langen Ruten noch nicht in Bio-Qualität erhältlich waren für dieses Jahr und die Bodensubstrate zum Teil auch nicht biologischen Ursprungs sind, werden die Beeren nicht mit der Knospe ausgezeichnet. Beobachtet werden bei diesem Versuch die Auswirkungen der verschiedenen Substrate und die Anbausysteme. Da gibt es Substrate mit Schafwolle, mit Kokos, mit Kieferrinde, aus reifem Kompost und Bio-GVZ-Substrat aus Holland. Alle Substrate sind ohne Torf, ohne Krankheits-erreger und sollen den Waldboden simulieren. Die Long Canes-Pflanzen werden bodeneben ins Substrat gesetzt oder wurzelführend in die Rootstop-Folien-Behälter. Die Bewässerung führt den Pflanzen mit Nährlösung angereichertes Wasser zu (tierischer Stickstoff). Bio Suisse hat noch etwas Mühe mit den 1-jährigen „Wegwerf-Pflanzen“ und den Rootstop-Folien-Behältern, weil da der Bodenkontakt der flachwurzelnden Himbeeren fast fehlt.

Nussbaumers würden die Beerenproduktion nach Abschluss und Erkenntnisgewinn der Versuche gerne ausdehnen. Eine zweijährige Nutzung der Long Canes und des Substrats ist aus wirtschaftlichen Gründen sicher auch ein Thema. Die Bio-Baumschule Glauser in Noflen wird auf 2018 genügend Bio-Pflanzmaterial liefern können.

Ein paar Minuten später stehen wir alle in der gedeckten Kirschenanlage. Paul entschuldigt sich beinahe, dass wir keine Kirschen naschen können. Alle Anwesenden sind bedrückt, haben vollstes Verständnis und bedauern die Frostschäden. Eine Versicherung gegen Frost? Gibt es nicht. Die Betriebsleiter tragen den Verlust zu 100 %, müssen Erntehelfern absagen, Absatzkanäle einstellen und trotz allem die Bäume und die Anlage weiterpflegen.

Paul Nussbaumer erklärt, dass seine Familie seit 1899 Pächter auf dem Schürhof sind. Der Hof gehört seit 1930 zur Christoph Merian Stiftung. Der Schürhof umfasst 26 ha arrondiertes Land und gehört seit 1995 zu den Knospehöfen. Hier werden Lehrlinge ausgebildet.

2.2 ha Apfelbäume, 0.5 ha Birnenbäume und 0.9 ha Kirschenbäume finden sich, fast allesamt mit Netzen geschützt, auf dem Betrieb. Hagelschutznetze reichen nicht aus gegen die gefürchtete Kirschessigfliege, deshalb musste die Anlage diesbezüglich aufgerüstet werden. Bei der Sortenwahl ist die Schorfresistenz und Robustheit sehr wichtig. Dann findet man auch die ganze Beerenpalette, welche dieses Jahr ebenfalls vom Frost sehr geschädigt wurde.

Auf den 4.5 ha Ackerland werden 3 ha Weizen und 1.5 ha Silomais angepflanzt. Für die Förderung der Biodiversität stehen die Hochstamm-Obstanlage und Hecken.

Nussbaumers vermarkten das Kernobst und die Kirschen direkt auf verschiedenen Märkten und beliefern andere Biobetriebe. Ein Teil der Äpfel wird zu Süssmost verarbeitet. Brot aus eigenem Mehl und die Eier von ca. 300 Legehennen ergänzen das Marktangebot.

Ein Drittel des Einkommens wird durch die Haltung von 14 Pensionspferden und den Fleischverkauf der fünf Mutterkühe, bzw. deren Kälber, erwirtschaftet. Nachdem auf dem Schürhof keine Milch mehr produziert wurde, gab es Platz für die Pferde. Diese geniessen den Auslauf in die Weide und bei zweifelhaftem Wetter auf dem Teppichschnitzel-Platz. Beim Staunen über das Teppich-Recycling vernehmen wir zudem, dass Nussbaumers betagte Legehennen in den Zolli Basel zügeln. Jeder malt sich dieses Bild auf seine Weise aus… 😉

In der grossen Maschinenhalle, wo sich drei grosse Kühlräume für das Obst und den Süssmost befinden, dürfen wir ein feines Raclette samt Dessert geniessen. Das Weiter nach einem bevorstehenden Ernteausfalls hat bestimmt einige Gespräche ergeben.

Der Genuss von Kirschen und Obst im 2017 hat durch den Besuch bei Euch, liebe Familie Nussbaumer, eine neue Bedeutung bekommen. Nichts ist selbstverständlich.

Herzlichen Dank für Eure Gastfreundschaft.

Im Namen von Bio NWCH: Marianne Jaggi
Alle Fotos: Rahel Sprunger


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.